Was wir uns von der japanischen Arbeitskultur abschauen können - und was wir besser machen

Was wir uns von der japanischen Arbeitskultur abschauen können – und was besser nicht

Ein Land, das die Welt mit uralten Weisheiten zum Glücklichsein belehrt und wo gleichzeitig tausende jährlich an Überarbeitung sterben — Japan pflegt eine Arbeitskultur, die kontroverser nicht sein könnte. Was wir nach Österreich mitnehmen können — und in welchen Bereichen wir es doch ganz gut haben.

Es ist das Zauberwort der japanischen Philosophie: Ikigai — der Wert des Lebens. Seit jeher motivieren sich Japaner mit den uralten Weisheiten eines Prinzips, dass sich auf den ganz individuellen Grund fokussiert, warum es lohnenswert ist, morgens aufzustehen. Herauszufinden, was einen aus dem Innersten heraus antreibt, soll der Schlüssel für ein langes und erfülltes Leben sein. Besonders auf der Insel Okinawa, wo ein Großteil der Menschen nach Ikigai leben, zeigt sich seine Entfaltung: Immerhin leben hier einige der glücklichsten und auch ältesten Menschen der Welt — nicht selten wird man hier über 100 Jahre alt.

Ikigai: finde deinen Weg

Laut der japanischen Philosophie hat jeder einen eigenen besonderen Grund, ein lebenswertes Leben zu führen, sein individuelles Ikigai. Um herauszufinden, was dies ist, muss man Geduld mitbringen und viel reflektieren. Man begibt sich auf eine ganz persönliche Reise mit und in sich selbst, um den richtigen Weg für einen zu finden. Das Ikigai besteht aus vier Themenbereichen:

  1. Das, was du liebst
  2. das, was die Welt von dir braucht
  3. das, womit du Geld verdienst
  4. das, worin du gut bist
IKIGAI

IKIGAI aus Japan

Aus diesen Themenbereichen ergeben sich vier verschiedene Grundbedürfnisse, die es zu erkunden gilt: Die Mission, die Berufung, der Beruf und die Leidenschaft. Hat man diese Bedürfnisse erst ergründet, fällt es leicht, ein erfülltes Leben zu führen.

Ikigai in der Arbeitswelt

Für Führungspersönlichkeiten eignet sich das Ikigai hervorragend zur Mitarbeitermotivation und -entwicklung. Seine Mitarbeiter darin zu unterstützen, herauszufinden, was sie aus dem Innersten heraus antreibt und motiviert, stärkt die Arbeitsmoral, das Arbeitsklima und die Effizient. Mitarbeiter, die glücklich sind mit dem, was sie tun, bleiben dem Unternehmen treu und entwickeln sich stetig professionell und persönlich weiter. Ein Win-Win für beide Seiten — schließlich war Individualismus im Job nie so wichtig für das persönliche Wohlempfinden wie im 21. Jahrhundert. Schließlich kann die Fokussierung der Mitarbeiter auf ihr Ikigai dazu führen, dass sie ihre positive Energie und persönliche Motivation mit dem verbinden, wofür sie im Unternehmen zuständig sind. Wieso nicht genau dies fördern?

So verbindest du Ikigai mit deiner Arbeitsrealität:

Bei großen Spitzenunternehmen wie Facebook kommen mindestens einmal im Jahr alle Mitarbeiter zusammen, um die Unternehmensvision neu zu denken. In Workshops arbeitet man gemeinsam daran, die eigenen Lebenswelten und -visionen mit dem Unternehmen zu verknüpfen. Dies verfolgt zwei Outputs: Einerseits die Zusammenarbeit im Team zu stärken und erfolgreicher aufzuziehen, andererseits die persönlichen Ideale jedes Einzelnen herauszuarbeiten und stärker zu verfolgen.

Sehr gut geeignet sind auch regelmäßige Austauschgespräche in Gruppen und mit einzelnen Personen. Jeder Mitarbeiter sollte oft genug die Möglichkeit haben, nicht nur auf seine Performanz im Team gefeedbackt und gecoacht zu werden, sondern auch seine persönlichen Wertevorstellungen und Zielsetzungen (ob professionell oder privat) mit an Boot zu nehmen. Zu wissen, was jedem Einzelnen wichtig ist, woran sie sich morgens beim Aufstehen erfreuen und was sie motiviert, Vollgas zu geben, ist unumgänglich für ein positives und vibrierendes Arbeitsklima. Die Arbeitsmoral des Einzelnen mit denen der anderen zu verbinden schafft ein glückliches, hoch effizientes Team. Organisiert vielleicht auch mal einen Ikigai-Workshop für das Unternehmen: Was sind die übergreifenden Ziele, weshalb existiert eine Idee und wieso wird diese wie umgesetzt? Bestimmt können sich hinterher noch viel mehr Mitarbeiter mit dem Großen und Ganzen identifizieren, wenn sie ihre eigenen Werte respektiert und eingebracht empfinden.

60-Stunden-Wochen: Die bittere Realität in Japan

So schön nostalgisch und verträumt sich das Prinzip des Ikigai auch anhören mag, so wenig gemein hat es mit der Arbeitskultur im Großteil Japans. Wo in ruhigen Küstenregionen und am Land vielleicht noch die Weisheiten der Selbstreflexion und der Suche des Sinns nach dem eigenen Leben Oberhand haben und entsprechend praktiziert werden, sind die Großstädte Anlaufstelle für Überarbeitung, Stress und Erschöpfungstod. 60 Stunden pro Woche zu arbeiten ist keine Seltenheit, es ist eher die Regel. 23% der Japaner arbeiten sogar 80 Stunden wöchentlich und mehr. Die immer herrschende strenge Leistungskultur in Japan hat sich in der Regenerationszeit nach dem Zweiten Weltkrieg verschärft und hat sich seitdem nie wirklich gebessert.

Neben dem liebevollen Ikigai führt Japan als einziges Land der Welt ein Wort, dass gegenteiliger nicht sein könnte: Karōshi, der Tod durch Überarbeitung. Die immerzu stressige Arbeitsethik Japans, hinzukommend die intensive Hierarchie innerhalb der Gesellschaft lässt wenig Zeit für Freizeit, Reflexion und der Bemühung um ein lebenswertes Leben. Ikigai ist in den Städten nie angekommen. Der Arbeitsstil ist hochgradig ungesund und teils sogar gefährlich: Er provoziert Herzversagen und sogar Suizid.

Japan prescht auf Entwicklung, Industrie und Fortschritt sind von enormer Bedeutung für die Wirtschaft. Wer nicht mitzieht, muss packen: Entweder man passt sich dem schnelllebigen Arbeitswelt an, oder man hat keinen Job. Nach 12-Stunden-Arbeitstagen ist es fast verpflichtend, anschließend noch mit den Kollegen oder Chefs loszuziehen. Alkohol ist der ersehnte Ausweg aus der Misere. Japans Straßen trifft man nachts an allen Ecken überarbeitete Angestellte, die oft an Ort und Stelle zusammensacken, einschlafen, notgedrungen betrunken in der U-Bahnstation übernachten. Auf den Straßen zu schlafen ist gesellschaftlich akzeptabel: Der Stress ist Standard und wird verstanden.

Arbeit ohne Leben

Gleichzeitig „stirbt Japan aus:“ Die Geburtenzahlen sinken drastisch, denn inmitten des stressigen Alltages bleibt keine Zeit für Familie. Ein Großteil der Männer unter 30 hatte noch niemals Sex — und selbst das Verlangen danach ist bei vielen nie aufgekommen. Es bleibt keine Zeit, sich auf die schönen Dinge im Leben zu konzentrieren.

Wo ist das Ikigai hin?

Vergleicht man Japan mit Österreich, können wir uns einiges Abschauen. Die Grundintention ist simpel: Finde das, was dich aus dem Innersten heraus am aller glücklichsten macht, und mach es zu deinem Beruf. Wenn du tust, was du liebst, ist dein Leben erfüllt und schön. Und du brauchst nie wieder zu arbeiten. Selbst 60-Stunden-Wochen scheinen sinnvoll erklärbar zu sein und Spaß zu machen, wenn man nur tut, was einen antreibt. Dass die Büroangestellten in Japans Großstädten, die nachts auf den Boden der U-Bahnhöfe vor Erschöpfung zusammenbrechen ihrer Bestimmung nachgehen, kann dennoch bloß Illusion sein. Wie verknüpfen?

Österreich macht in diesem Punkt sicher einiges richtig: Wir spüren ein Aufstreben in eine neue Richtung. Arbeit ist nicht länger gleich Arbeit, wir arbeiten nicht mehr rein des Geldes wegen. Wer in den Arbeitsmarkt einsteigt, will tun, was ihm liegt und Spaß macht. Der Drang nach Individualismus, nach Selbstentfaltung und Persönlichkeitsentwicklung ist groß und er treibt unsere Generation stärker denn je. Es ist der Geist des Ikigai, wenn man so will, den wir in anderen Worten bereits verstanden haben: Wir horchen in uns hinein, wir reflektieren unseren Weg, wir feedbacken unsere Mitarbeiter, wir probieren neue Dinge aus und entdecken versteckte Talente. Wir sind näher an der Erfüllung unseres selbstbestimmten Seins denn je zuvor.

Ob Spaß an der Arbeit und sinnvolles Tun zugleich Überarbeitung entgegenwirkt, sollte jeder selbst entscheiden können. Nicht umsonst plädiert man vor Ort für die 30-Stunden-Woche: Immerhin soll Freizeit und „Leben“ nicht minder bedeutsam sein, Arbeit trotz Talent lieber Arbeit bleiben und die Work-Life-Balance gefördert werden. Wer Stress verspürt, sollte kürzer treten und sich gezielte Auszeiten nehmen. Immerhin wollen wir lange leben — und glücklich zugleich.

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.