Work-Life-Balance: Aber bitte nach 20 Uhr!

Wie Unternehmen das Privatleben durch Arbeit ausgleichen und eine Partnerschaft mit einseitigen Zielen verfolgen.

Nach vielen „Dates“ in Form von Bewerbungsgesprächen fiel die Auswahl dann endlich auf einen selbst. Endlich geschafft. Ganz im Sinne des ersten Auftritts (oder ersten Dates) wird seitens der Firma offensives Selbstmarketing in den Einstellungsgesprächen betrieben – begonnen wird mit „süßen Versuchungen“ wie etwa dem eigenen Fitnessclub, der allen Mitarbeitern zur Verfügung steht oder dem Betriebskindergarten, den das Unternehmen zur freien Verfügung stellt. Wer will dort also nicht arbeiten (oder leben)?

Sobald sich beide Parteien im Vorstellungsgespräch wohlfühlen, werden erste Flirt-Versuche unternommen, um das Arbeitszeitmodell zu verschönern. „Unsere Arbeitszeiten sind 8 bis 16 Uhr, aber eigentlich bleibt hier jeder bis mindestens 17 Uhr. Also Sie wissen ja, wenn wichtige Projekte anstehen, muss mal mehr Zeit investiert werden“. Dieses Einstellungsgespräch ist dann sehr häufig der richtige Schritt in den Ehehafen der langen Arbeitstage. Das Rezept einer langlebigen Beziehung im Unternehmen ist ganz einfach: viel Zeit dort zu verbringen, wo einem alles geboten wird. Dann braucht man sich nicht mehr zu überlegen, wann die Kinder von der Betreuungseinrichtung abgeholt werden sollen oder wann das Auto in die Waschanlage soll. Das kann alles passieren, solange alle Energie und Zeit am Schreibtisch oder in Meetings investiert werden. Work-Life-Balance ade.

 

10 Stunden Arbeit am Tag – eine Investition in die Zukunft?

Viele kennen die Situation: man arbeitet nun seit einigen Monaten im neuen Unternehmen und hat ziemlich gut mitbekommen wie der Hase läuft. Hier gibt es zwar geregelte Arbeitszeiten, aber niemand hält sich dran! Die Firma besteht aus 60% jungen, innovativen, flexiblen und kreativen Köpfen – also aus jenen, nach denen sich der Arbeitsmarkt verzerrt. Sie wollen auf nichts in der Firma verzichten und dafür investieren sie viel. Gegangen wird erst, wenn der Abteilungsleiter das Büro verlässt, Überstunden sind eine Selbstverständlichkeit und in der Mittagspause werden Mails gelesen. Hört sich jetzt wie ein Full-Time Job einer Karrierefrau mit drei Kindern an? Ist es auch, nur dass das Leben jetzt in der Firma passiert. Immer wieder hört man vom eigenen Chef: „Sie wissen ja, als junger Mitarbeiter muss man zuerst einmal in den sauren Apfel beißen. Aber Sie werden sehen, die Investition lohnt sich“. Völlig beeindruckt von seiner manipulativen Aussage, schmachtest du ihm nach. Nach dem ersten Date wäre das nun der Moment, an dem er dich aus dem Auto steigen lässt und dir verspricht, dich morgen anzurufen. Er hat dich voll und ganz in der Hand.

 

Interpretationssache oder Ausbeutung?

Die viel investierte Arbeitszeit wird zur Routine, genauso, wie der Familie zuhause erklären zu müssen, dass man heute wieder später nachhause kommt. Die Masse an Arbeit versetzt einen mittlerweile in eine Art „Flow“, der Effekt zeigt sich im „Arbeit-schön-reden“. Die Familie oder der Partner haben sich in der Zwischenzeit bereits damit abgefunden, dass du nur noch zum Schlafen nachhause kommst.
Das Engagement solcher Mitarbeiter ist Millionen wert, aber nur, wenn es gut investiert wird. Eine besondere Gefahr besteht in der Ausbeutung der eigenen Mitarbeiter, die sich von ihrem Arbeitspaket nicht mehr abgrenzen können. Die ständige Arbeitsbelastung und der fehlende Ausgleich führen dann zur Ausbeutung eigener Kräfte und Stärken. Wie Firmen eine Work-Life-Balance interpretieren, ist unterschiedlich. Für manche bedeutet es, das eigene Privatleben möglichst zu verdrängen und das Beziehungsgeflecht im Unternehmen zu stärken. Dass hier ein Ungleichgewicht zwischen Privatleben und Arbeit passiert, versteht sich von selbst.

 

Wie, 200% an Innovation und Energie gehen nicht?

Seitens des Unternehmens ist es nicht nur unverantwortlich, 200% von ihren Mitarbeitern zu erwarten, sondern offen gesagt ist es auch ziemlich dumm. Es gibt genügend wissenschaftliche Studien, die Kreativität und Innovation viel stärker vorhanden sehen, wenn sich Mitarbeiter gut ausgelastet aber eben nicht ausgebrannt fühlen. Zudem gibt es auch unzählige Experten, die gerade eine Ausgeglichenheit zwischen Beruf und Freizeit einfordern, um die Beziehung mit einem zufriedenen, kreativen Kopf weiterführen zu können. Das Unternehmen kann dann darin unterstützen, indem neben beruflichen Zielen ebenso private verfolgt und gefeiert werden. Flexible Arbeitszeitmodelle sind hier nur ein Weg, um den Bedürfnissen der eigenen Mitarbeiter entgegen kommen zu können.

 

Dating im ausgewogenen Maße

Die Unternehmensstrategie soll sich also um ein ausgewogenes Dating-Verhältnis bemühen. Um eine ausgewogene Work-Life-Balance. Niemand möchte auf lange Sicht eine unausgeglichene Partnerschaft führen, in die immer nur einer investiert. Viele Unternehmen haben es bereits verstanden: erfolgreiche und zufriedene Mitarbeiter hält man nur dann, wenn man ihnen auch etwas zurückgibt (zum Beispiel in Form von exklusiven Mitarbeiterevents). Gerade in Zeiten der „Schnelllebigkeit“, in denen ein „hohes Maß an Flexibilität“ gefordert wird, ist Wertschätzung gegenüber den Leistungen und das Respektieren des Privatlebens besonders wichtig. Emotionen aus positiven Erfahrungen im Alltag werden häufig mit an den Arbeitsplatz genommen. So fördert man Freizeit und Privatleben des Mitarbeiters, um die positiven Effekte daraus für die Arbeit investieren zu können. Denn ehrlich gesagt hat niemand ununterbrochen Dates, ohne das Empfinden nach einer stabilen, ausgeglichenen Beziehung nicht stillen zu wollen. Oder?