Mut zum Nein sagen! Klare Lippenbekenntnisse haben große Wirkung

Laura Walter war eine sehr engagierte Mitarbeiterin. Bis zu ihrem Erschöpfungszustand mit 45 gehörte sie zu jenen Kollegen, die schnell mal ein Arbeitspaket aus dem Projekt übernahmen, ohne Widerrede die Urlaubsvertretung von 2-3 Kollegen gleichzeitig antritt oder länger hinter dem Schreibtisch blieb, wenn der Chef noch etwas brauchte. Heute ist sie völlig ausgebrannt und wegen Erschöpfung krankgeschrieben. Der Saft ist draußen. Laura ist nur eine von Vielen, die Angst davor haben, Bitten mit einem klaren NEIN zu beantworten. Das Risiko mit anderen Kollegen oder dem Chef auf Konfrontationskurs zu gehen ist viel zu hoch. So lässt man sich lieber einen großen Stapel an Arbeit aufladen.

Konfrontation, NEIN danke!

Verantwortung und Hilfsbereitschaft werden jedoch oftmals ohne berücksichtigen eigener Bedürfnisse eingesetzt. Zudem kann auch der Druck steigen, den Erwartungen der anderen nicht zu entsprechen. Im Fall von Laura ist ganz klar, dass es ihr wichtiger war, dass die anderen zufrieden sind und gut über sie reden. Ja-Sager können jeglichen Konfrontationen und Konflikten aus dem Weg gehen – praktisch, oder? Wenn man in der Abteilung gemocht werden will, stimmt man einfach allem zu und stellt die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund. So ist eine konfliktfreie Atmosphäre garantiert.

„Ja-Sagen“ hat Persönlichkeit

Menschen, die sich schwer abgrenzen, sind häufig viel engagierter und motivierter im Berufsleben. Durch ihre emphatische und sensible Art zeigen sie auch mehr Verständnis dafür, warum der Kollege gerade keine Zeit mehr hatte, mit dem Projektantrag fertig zu werden oder das Schriftstück in der Poststelle abzugeben. Die vehementen „Ja-Sager“ sind übrigens auch fürs Unternehmen gut (Anm.: Hier spürt ihr hoffentlich meinen Sarkasmus). Denn wenn es immer jemanden gibt, der die Arbeit nach eigentlichem Feierabend macht, kommt man immer zum erzielten Ergebnis.

Übung macht den Meister

Abgrenzung ist eines dieser Modewörter, die allerdings viel zu oft unterschätzt oder sogar belächelt werden. Genau genommen, ist es mutig, Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Nur wenn sich ein Kollege von einer Aufgabe abgrenzt, macht er seine Arbeit deshalb nicht schlechter, sondern schützt sich selbst vor überfordernden Stapeln am Schreibtisch und der hemmungslosen Fremdbestimmtheit. Dafür muss man nur selbst erkennen, was für einen selbst noch zumutbar und schaffbar ist. Und – die eigenen Bedürfnisse dürfen nicht ständig in den Hintergrund rücken. „Ist es mir wert meinen freien Feierabend für einen Kollegen zu opfern? Habe ich am Abend etwas geplant, das mir wichtig ist?“ Auch wenn die Kollegen hier und da eine Enttäuschung einstecken müssen, ist die Abgrenzung wichtig für das eigene Wohlbefinden. Tipp: Ich-Botschaften können dabei helfen, das NEIN durch Bedürfnisse zu begründen. Das werden die Kollegen dann eher verstehen.

Mach Schluss mit dem Ja-Wort!

Unternehmen erkennen leider viel zu selten den Punkt, an dem Mitarbeiter beginnen auszubrennen. Bis 20 Uhr im Büro zu sein ist „in“, flexible Arbeitszeiten erschweren das Grenzen ziehen zwischen Beruf und Freizeit – die Bedürfnisse müssen dann bis zum Wochenende hinten anstehen. Selbst noch den Punkt vor der völligen Erschöpfung zu erkennen, ist die große Kunst. Das ist aber auch unabdingbar für die eigene Gesundheit. Deshalb, sei emphatisch und engagiert, aber trau dich auch NEIN zu sagen, wenn das eigene Wohlbefinden darunter leidet. Ein Lippenbekenntnis eben auf höchstem Niveau.

2 Kommentare
  1. Anke Reichert
    Anke Reichert sagte:

    Prima beschrieben: Wer immer nur „Ja“ sagt, bei dem türmen sich Stapel mit unterschiedlichsten Aufgaben auf dem Schreibtisch. Von Wohlfühlen am Arbeitsplatz oder gar Spaß haben am Arbeiten keine Spur!
    Es lohnt sich also „Nein“ sagen zu lernen – auch wenn es schwer fällt und man dafür einiges an Übung benötigt – um dem so bedrohlichen und zermürbenden Hamsterrad von Dauerstress und Überlastung zu entkommen!
    Und es gibt noch einen weiteren positiven Effekt: Fokussiert man sich mehr auf definierte Arbeitsgebiete, erlangt man detaillierteres Wissen und verfügt mit der Zeit über eine gewisse Expertise. Die höhere Kompetenz bringt einiges mit sich! Ganz oft ist eine ordentliche Portion an Freude bei der Arbeit dabei…

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    • Julia Goldgruber
      Julia Goldgruber sagte:

      Hi Anke,

      dankeschön für deinen Beitrag! Du hast absolut Recht mit dem beschriebenen positiven Effekt: wer sich auf wenigere Dinge, dafür mit mehr Hingabe konzentrieren kann, wird früher oder später zu einem wichtigen Wissensträger im Unternehmen. Klar, das kann man auch sein, wenn man bei vielen Arbeiten mitmischt, aber kann man da zu 100 % den Überblick behalten? Wichtig zu sagen ist, das Abgrenzung nichts mit Ausgrenzung zu tun hat! Nur weil ich heute zum Kollegen mal „Nein“ sage, spiele ich trotzdem noch im Team. Früher oder später wird auch mein Team davon profitieren, weil ich mit vollem Elan und voller Freude an der Arbeit sein kann – denn ich fühle mich wohl. Mein Know-how wird wertgeschätzt und kommt zum richtigen Zeitpunkt zum Einsatz. Weil – und das ist glaube ich der Punkt – uns auf Dauer nur positiver Stress in unserer Arbeit unterstützt. Wer sich lange hinter dem „Stapel an Aufgaben“ verstecken muss, wird frustriert und hat für die wichtigen Dinge keine Zeit mehr: qualitätsvolle Arbeit leisten und soziale Kontakte/den Austausch mit anderen pflegen.

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