Manager ist handlungsunfähig durch agile Methoden

Mittleres Management ohne Befugnisse – agile Methoden und ihre Probleme

Agiles Personalmanagement und agile Methoden sind die Trends der Zeit und beschäftigt die Köpfe der Unternehmen. Agilität ist in aller Munde: Weg von den steilen Hierarchien, hin zu Dynamik, Netzwerkdenken und Interdisziplinarität. Doch lösen agile Methoden wirklich alle Probleme oder entstehen dadurch überhaupt erst neue?

Agile Methoden verändern die Organisationsstruktur

War es früher noch so, dass der Chef alle Zügel in der Hand hielt und so alles steuerte, geht der Trend heute immer mehr in Richtung agile Methoden, flache Hierarchien und Eigenverantwortung der Mitarbeiter.

Flexibler durch weniger Mehrlinien-System

Mit agilem Personalmanagement ist dabei vor allem das flexiblere Arbeiten durch flache Hierarchien gemeint. Das bedeutet, das Organigramm wird abgespeckt. Die Mitarbeiter haben dadurch keinen direkt weisungsbefugten Chef mehr, sondern arbeitet auf Anweisung der obersten Riege. Durch diese agilen Methoden verändert sich die gesamte Organisationsstruktur. Die Geschäftsführung gibt Ziele vor und kommuniziert diese an das sogenannte „Mittlere Management“. Dieses steht als Intermediär zwischen Unternehmensführung und Mitarbeitern und coacht Letztere nur noch in der Umsetzung der Aufgaben. Der direkte Vorgesetzte wirkt dabei als gleichwertiger Kollege. Und weil er keine direkten Anweisungen mehr gibt, sondern nur noch berät, wird von den Mitarbeitern unternehmerisches Denken gefordert.

Je agiler das Unternehmen, desto verantwortungsvoller der Job?

Entscheidungen, Handlungsspielraum und Innovation liegen von nun an in der Verantwortung der Fachkraft. Umgesetzt wird zwar, was von oben vorgegeben ist. Wie das erwünschte Ziel erreicht wird, obliegt aber dem Mitarbeiter. Warum? Weil der neue Führungstrend Agilität heißt. Also mehr Flexibilität durch weniger Hierarchien und eine indirekte Steuerung der Mitarbeiter ohne direkte Entscheidungsmacht. Der Output dieses neuen Stils ist für jeden Mitarbeiter direkt spürbar: mehr Verantwortung.

Flache Hierarchien fördern Zufriedenheit

Aus einer Studie der Beratung Kienbaum und Jobportals Stepstone aus dem Jahr 2017 geht hervor, wie stark in den letzten Jahren der Trend weg von einem Mehrlinien-System geworden ist und warum das so ist. Mitarbeiter sind zufriedener in flachen Hierarchien. In komplexen Organisationsstrukturen würde das Mitdenken in Prozessen durch die Führungskräfte häufig gehemmt. Vor allem die Über-50-Jährigen wünschen sich mehr Verantwortung und weniger direktes „Über-die-Schulter-Schauen“.

Die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter variiert also mit dem Führungssystem: Waren Befragte in Unternehmen mit Mehrlinien-System am unzufriedensten, ergab die Studie von Kienbaum und Stepstone, dass jene Mitarbeiter, die lediglich die Unternehmensgeschäftsführung als Vorgesetzte hatten, am zufriedensten waren.

Agile Methoden und die undankbare Sandwich-Position

Alf macht ein agiles Methoden-Sandwich

Auch seien Unternehmen mit flachen Hierarchien wesentlich innovativer, hieß es in der genannten Studie. Außerdem würden flache Hierarchien nicht nur die Innovation bei den Mitarbeitern fördern, sondern vor allem auch zu einer höheren Identifikation mit dem Unternehmen führen. Das klingt doch toll. Oder? Die Frage ist, wie sich dieses System auf die Führungskräfte auf den mittleren Ebenen auswirkt? Während die Fachkräfte am einen Ende der Kette die gewünschte Handlungsfreiheit haben, hat das Mittlere Management in seiner Sandwich-Position nichts mehr zu melden. Kein Weisungsrecht, keine Budgethoheit. Die Führungskräfte sind zu Beratern der eigenen Fachkräfte und zum Sprachrohr gegenüber der Geschäftsführung geworden. Was das bedeutet, liegt somit auf der Hand: Wer weniger zu reden hat, trägt auch weniger Verantwortung. Die gehört jetzt nämlich verstärkt den Mitarbeitern selbst, genauso wie das Risiko bei Misserfolg.

Mehr Druck, weniger Bares

Weniger Entscheidungsmacht führt auch zu einem Rollenwechsel und zu einem neuen Selbstempfinden im Management. Keine Befugnisse zu haben, löst bei den Führungskräften oftmals Stress aus. Der Druck wird zu einen nachhaltigen Gefühl der Dauerbelastung. Dabei helfen nicht einmal die relativ hohen Gehälter, die monatlich für etwas bessere Stimmung sorgen sollen. Denn die Boni, die bei Erfolg ausgezahlt werden, gehören dann nicht dem Management, sondern denjenigen, die am Chefsessel Platz nehmen. Hinzu kommt auch, dass bei weniger Hierarchie die Machtkämpfe innerhalb der Belegschaft zunehmen werden, was die Position des Managements weiter exponiert.

Zu viel Agilität im Trend?

Wenn wir also zukünftig von Führungskräften sprechen, die keine Entscheidungen treffen und die ihren Handlungsspielraum nicht nutzen, sollten wir über das vorherrschende Führungsverständnis und die Schwierigkeiten der neuen Strukturen Bescheid wissen, die durch agile Methoden entstehen. Wichtig dabei ist, sich bewusst zu machen, dass mehr Agilität und Flexibilität bei den einen zu weniger Proaktivität bei den anderen führt. Unternehmen, die eine agile Transformation anstreben, sollten sich dessen bewusst sein und sich dementsprechend darauf vorbereiten. Auch wenn Mehrlinien-Systeme in Unternehmen zu weniger Zufriedenheit führen soll, stellt sich die Frage, ob auf lange Sicht weniger Hierarchie der Schlüssel ist. Und vor allem stellt sich die Frage, ob die eigenen Führungskräfte dem Trend der Agilität überhaupt gewachsen sind?

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