Wenn die Jugend auf der Strecke bleibt: Chancengleichheit in der Lehre

Wenn die Jugend auf der Strecke bleibt: Chancengleichheit in der Lehre

Es ist das immer gleiche Thema, das dennoch niemand so richtig wahrhaben will: Bildungschancen sind in Österreich nach wie vor sehr ungleich verteilt und stark vererbt; die Tendenz steigt sogar nach oben. Die Lehre als Ausbildungsweg ist unattraktiv, die Lehrlingssuche sei eine Qual für Firmen. Gleichzeitig bricht ein Viertel der Jugendlichen ihre Lehre ab, viele von ihnen landen in der Jugendarbeitslosigkeit. Muss das sein? Muss es nicht.

Die Zahlen sprechen für sich und sie sind alles andere als rosig: In Österreichs Großstädten Wien und Graz sind 35% der Jugendlichen arbeitslos. Ein großer Teil der Absolventen aus Mittelschulen landen nach Schulabschluss direkt beim AMS: Ihre Perspektiven halten sich in einem stark eingegrenzten Rahmen. Auch wer in eine weiterführende Schule aufgenommen wird, hat es nicht unbedingt geschafft: 82% der Schulabbrecher kommen aus Mittelschulen. Es entsteht, dramatisch ausgedrückt, eine verlorene Generation.

Spricht man mit Unternehmen, ist die Stimmung nicht heller: Die Anzahl der lehrlingsausbildenden Betriebe ist in den letzten Jahren um 21% gesunken. Die Lehrlingssuche sei ressourcenfressend, die Besetzung mit tatsächlich passenden Individuen quasi unmöglich. Wenn ohnehin ein Viertel der Ausgewählten die Lehre nicht beendet, von ihnen zwei Drittel bereits im ersten Jahr abbrechen, worin liegt noch der Mehrwert für Firmen?

Lehre vs keine Lehre

Soziale Mobilität ist ein Problem, das in Österreich nach wie vor Überhand hat. Es kann heutzutage allerdings nicht mehr Tatsache sein, dass Kinder dem Schicksal der Ausbildung ihrer Eltern geweiht sind: Akademikerkinder machen in der Regel Matura und besuchen anschließend ebenso eine Fachhochschule oder Universität. Diejenigen, deren Eltern einen niedrigeren Bildungsweg eingeschlagen haben, werden ihnen dies in der Regel gleich tun. Dabei ist nichts an einer Lehre auszusetzen: Die Jobchancen sind nicht minder interessant und die Aussicht auf gesellschaftlichen Aufstieg, ein sicheres Einkommen und gutes Leben sind nicht bedingt weniger attraktiv als mit Universitätsabschluss. Die Lehre fungiert nicht ohne Grund als Bildungsangebot, das Firmen gerne anpreisen. Die richtigen Lehrlinge zu finden sei eher das Problem — dabei stimmt nicht einmal diese Behauptung völlig.

Das Zauberwort lautet Unterstützung

In vielen Fällen, in denen Jugendliche ihre Lehrstelle abbrechen, mangelt es nicht an Talent oder Können, sondern an Reflexion. Viele von ihnen erhalten wenig oder unzureichend Unterstützung vom Elternhaus, ob aus mangelndem Interesse, fehlender Zeit oder auch weil sie sich selbst nicht gut genug in der komplexen Joblandschaft auskennen, etwa bei Familien mit Migrationshintergrund. Keine direkten Ansprechs- oder Bezugspersonen zu haben, mit denen man die eigene Zukunft diskutieren kann, sorgt oftmals für Frustration. Was tut ein 15-jähriger junger Mensch mit einem Kopf voller Motivation, die er nirgends zuordnen kann? Potenziale gehen verloren, versteckte Talente werden nie aufgedeckt, Stärken und Schwächen bleiben unreflektiert.

In Berufsorientierungsprogrammen wie dem Jugendcoaching soll speziell diesen Jugendlichen unter die Arme gegriffen werden. In persönlichen Gesprächen hilft ein professioneller Coach dabei, das umfangreiche Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten nach dem Pflichtschulabschluss zu überblicken. Gleichzeitig versucht man gemeinsam herauszufinden, in welchen Bereichen sich Interessen finden und welcher Ausbildungsweg sich am Besten für einen eignet. Für viele Jugendliche sind solche Angebote eine enorm wichtige Stütze, die ihnen einen Ausweg aus dem, überspitzt formuliert, sozial vorbestimmten Schicksal bietet. Für viele reicht dies trotzdem nicht aus: Was, wenn man sich einfach nicht traut, seinen Weg selbst in die Hand zu nehmen? Dafür gibt es Mentoren.

Ein Soziales Business, das Chancen schafft

Beziehungen machen den Unterschied: In Österreich ist Vitamin B das A und O in jeglicher Form der Chancensuche. Das ist nicht nur unfair sondern auch deprimierend für diejenigen, deren Eltern eben keine Unternehmer-Freunde für die Karriere anstiften können. Motivation sollte reichen, ein bisschen Unterstützung kann aber nie schaden.

2016 wurde in Wien das Soziale Unternehmen Sindbad gegründet. Innerhalb eines 1:1 Mentoringprogramms werden Jugendliche im letzten Pflichtschuljahr und aus sozial schwächerem Umfeld von jungen, ehrenamtlichen Mentoren begleitet. Die 2er Teams finden sich innerhalb eines interaktiven Matchingprozesses beim ersten Kennenlerntreffen selbst, wobei die Jugendlichen ihre potentiellen Mentoren „interviewen“. Der Fokus der Beziehung liegt einmal nicht an Karriere und Interesse, sondern rein am persönlichen „guten Gefühl“ im Bauch. Über den Zeitraum von einem Jahr treffen sich die Mentoringpaare regelmäßig, um die wahren Talente des Jugendlichen aufzudecken, gemeinsam auf Lehrstellensuche zu gehen und bei der Bewerbung zu unterstützen. Wichtig dabei ist in erster Linie der Vertrauensfaktor: Die Mentoren fungieren als großer Bruder oder große Schwester, die zuhören, zureden und motivieren. Viele Mentees haben bereits einen Traum von ihrer Karriere, trauen sich aber nicht, ihn alleine umzusetzen. Hier setzt Sindbad an.

Im Frühjahr 2019 hat sich nun auch in Graz ein Sindbad Standort formiert. Das Team, bestehend aus vier engagierten jungen Persönlichkeiten, baut sich gerade auf und trifft alle nötigen Vorrichtungen, um im November den ersten Jahrgang des Mentoringprogramms erfolgreich zu starten. Bei Interesse an Kooperationen darf man sich gerne bei der Geschäftsführung melden — sie freuen sich.

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